• Fachbeitrag

Prävention als Schlüssel zur sicheren Arbeit in der Gebäudereinigung

Wie sichert man die Gesundheit in der Gebäudereinigung nachhaltig? Prof. Frank Werner, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Prävention bei der BG BAU, erklärt im Interview mit dem ErgonomieMarkt, wie die Berufsgenossen­schaft die Branche unterstützt. Von der Beratung der Unternehmen über praxisnahe Tools wie den neuen Unter­weisungskalender bis hin zur Zusammenarbeit mit dem Bundesinnungsverband: Erfahren Sie, wie die BG BAU durch gezielte Prävention und Forschung die Arbeitswelt sicherer macht.

Foto: BG BAU

Interview mit Prof. Frank Werner, BG BAU

EM: Herr Prof. Werner, könnten Sie bitte kurz skizzieren, wer die BG BAU ist, wie sie arbeitet und wen sie unterstützt?
Prof. Werner: Die BG BAU ist die gesetzliche Unfallversicherung für die Bauwirtschaft und für die baunahen Dienstleistungen, also die Gebäudereinigungsbranche. Unter den neun gewerblichen Berufsgenossenschaften sind wir sicherlich eine der großen. Finanziert werden wir durch die Beiträge unserer Mitgliedsunternehmen. Das heißt, die Beschäftigten zahlen keine Beiträge. Was viele vielleicht nicht wissen: Als Körperschaft des öffentlichen Rechts verfügt die BG BAU über eine Selbstverwaltung. Das bedeutet, dass die Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitgeber und der Versicherten in der Regel über ihre Verbände paritätisch in den Gremien vertreten sind und die Geschicke der BG BAU mitgestalten. Die BG BAU ist natürlich keine Versicherung im klassischen Sinne, sondern hat gesetzlich zugewiesene Aufgaben. Das umfasst zum einen die Prävention, also Arbeitsunfälle, Wegeunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen mit allen geeigneten Mitteln zu verhindern, zum anderen die Gewährleistung der Reha­bilitation im Falle eines Unfalls oder einer Berufskrankheit in Zusammenarbeit mit medizinischen Partnern. Ebenso leisten wir Entschädigung, die sicherstellt, dass bei einer bleibenden Einschränkung Ausgleichszahlungen erfolgen oder die Hinterbliebenen finanziell versorgt werden. Darüber hinaus übernimmt die BG BAU Ausbildungskosten, beispielsweise für die Schulung von Ersthelferinnen und Ersthelfern in unseren Mitgliedsunternehmen. Weiterhin leisten wir auch Facharbeit, zum Beispiel im Fachbereich Bauwesen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), den wir als BG BAU tragen, und für die Gebäudereinigung speziell im Sachgebiet Gebäudereinigung in diesem Fachbereich. In diesen Gremien erarbeiten wir gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus der Branche sowie von anderen Unfallversicherungsträgern zum Beispiel die Grundlagen zum Arbeitsschutz für die DGUV. Ziel ist es, sichere und gesunde Arbeitsplätze zu schaffen.

EM: Wer ist die Zielgruppe der BG BAU bzw. für wen ist sie der Ansprechpartner?
Prof. Werner: Grundsätzlich gilt erst einmal, dass für alle Maßnahmen im Arbeitsschutz der Unternehmer verantwortlich ist. Dabei spielt die Größe des Unternehmens keine Rolle. Der Unternehmer hat dafür Sorge zu tragen, dass es eine wirksame Organisation des Arbeitsschutzes gibt. Er kann das selbst übernehmen oder diese Aufgabe an befähigte Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter übertragen. Die BG BAU kann den Unternehmer dabei unterstützen. So stellen wir beispielsweise eine Vielzahl von Informationen zu allen Fragen des Arbeitsschutzes und zur Arbeitsschutzorganisation in den Betrieben bereit und auf Wunsch beraten unsere Aufsichtspersonen oder die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Arbeitsmedizinisch-Sicherheitstechnischen Dienstes der BG BAU telefonisch oder vor Ort direkt im Unternehmen.
Die BG BAU wirkt bei der Schaffung staatlicher Regelwerke und Vorschriften mit und hat einen gesetzlichen Beratungs- und Überwachungsauftrag, der im Siebten Buch Sozialgesetzbuch (SGB VII) verankert ist. Das bedeutet auch, dass unsere Aufsichtspersonen befugt sind, bei unmittelbarer Gefahr für Leben und Gesundheit der Beschäftigten die Arbeiten so lange einzustellen, bis die Gefahr beseitigt ist.
Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich nicht sicher sind, ob ihr Betrieb sich an alle Regeln hält, sind wir ebenfalls der richtige Ansprechpartner. Das heißt, wir gehen Hinweisen gewissenhaft nach.

EM: Welche Angebote gibt es bezogen auf die Reinigungsbranche?
Prof. Werner: Das Angebot der BG BAU für die Gebäudereinigung umfasst eine Vielzahl von Informations- und Unterstützungsangeboten für Unternehmen und deren Beschäftigte. Dazu gehören unter anderem die sogenannten Lebenswichtigen Regeln Gebäudereinigung, Erklärvideos, Informationen zu Themen wie dem Umgang mit Gefahrstoffen und ergonomischem Arbeiten und auch eine Vielzahl an Online- und Präsenzseminaren. Mit der Themenseite „Gebäudereinigung“, die auf der Website der BG BAU zu finden ist, steht der Branche zudem eine zentrale Informationsplattform zur Verfügung. Der Austausch mit der Branche ist für uns von großer Bedeutung, deshalb gibt es gemeinsam mit dem Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV) den „Runden Tisch der Gebäudereinigung“, der den fachlichen Dialog fördert. Wichtig ist uns auch die Arbeit mit den Auszubildenden. Wir gehen in die Ausbildungszentren und Berufsschulen, um junge Menschen frühzeitig für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz zu sensibilisieren. Hierfür stellen wir Bildungsmaterial bereit. Zudem sind unsere Expertinnen und Experten als Dozenten tätig. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungsinstituten, um wichtige Fragestellungen im Arbeitsschutz wissenschaftlich zu begleiten. Ein Beispiel hierfür ist ein Projekt mit der Technischen Universität Braunschweig, bei dem jahreszeitenabhängig die Einflüsse der Witterung auf Arbeitsplätze im Freien betrachtet wurden. Die in der Forschung gewonnenen Erkenntnisse führen oft zu Änderungen oder Anpassungen im Regelwerk.

EM: Mit welchen Themen beschäftigt sich die BG BAU im Moment bezogen auf die Branche?
Prof. Werner: Aktuell arbeiten wir an der Entwicklung eines Unterweisungskalenders für die Gebäudereinigung. Die Umsetzung wurde im Rahmen des Runden Tisches gemeinsam vereinbart. Vorbild ist der Wandkalender „Sicherheit ganz oben“, der zunächst für das Dachdeckerhandwerk pilotiert wurde. Der Kalender vermittelt Monat für Monat wichtige Arbeitsschutzthemen in leicht verständlicher Form und kann für die Unterweisung herangezogen werden. Für die Gebäudereinigung soll der Kalender ab 2027 zur Verfügung stehen. Im Rahmen der Kampagne „Wir bleiben am Boden“ konzeptionieren wir darüber hinaus einen Unterrichtsbaustein für die Gesellen- und Meisterausbildung zur sicheren Verwendung von Teleskopsystemen. Ein weiteres Projekt ist die Entwicklung eines Musterkoffers für persönliche Schutzausrüstung (PSA) für die Unterhalts- und Glasfassadenreinigung. Mit diesem sollen Themen der PSA, wie zum Beispiel der richtige Einsatz von Schutzbrillen, anschaulich vermittelt werden. Damit möchten wir möglichst alle Beschäftigten erreichen, egal ob sie eine Ausbildung absolviert haben oder als Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in die Branche gekommen sind.

EM: Welche Themen werden es voraussichtlich zukünftig sein?
Prof. Werner: Im Mittelpunkt steht bei uns weiterhin die Orientierung am Unfall- und Berufskrankheitsgeschehen und das im gegenseitigen engen Austausch mit der Branche. Jetzt im Sommer steht das Thema Hitze- und UV- Schutz wieder besonders im Fokus.

EM: Welche Wünsche haben Sie an die Politik?
Prof. Werner: Aktuell sind in der Gesetzgebung einige Arbeitsschutzthemen auf dem Prüfstand. Ein Beispiel ist die inzwischen in Kraft getretene Neuregelung zur Bestellung von Sicherheitsbeauftragten in Unternehmen. Es wird sich zeigen, wie sich die neuen Vorgaben in der Praxis bewähren und welchen Einfluss sie auf die betriebliche Organisation von Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz haben. Die BG BAU wird regelmäßig in Gesetzgebungs- und Regelsetzungsprozesse eingebunden, insbesondere, wenn es um die Erarbeitung konkreter Regelwerke geht. So war beispielsweise im Zusammenhang mit der Novellierung der Gefahrstoffverordnung eine Expertin der BG BAU zum Bundesministerium für Arbeit und Soziales abgeordnet. Grundsätzlich wünschen wir uns von allen Beteiligten ein ausgeprägtes Bewusstsein für praxistaugliche Lösungen für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit, damit die hohen Standards im Arbeitsschutz auch künftig erhalten werden können. Denn Praxistauglichkeit schafft Akzeptanz.

EM: Wünsche an die Industrie?
Prof. Werner: Das ist relativ schnell beantwortet: Zum einen wünschen wir uns eine konsequente Weiterentwicklung der Maschinensicherheit und der Ergonomie von Produkten. Zum anderen sehen wir Potenzial für den Gesundheitsschutz beim Thema Gefahrstoffe, insbesondere bei Reinigungsmitteln.

Das Interview führte Mark Schmiechen