• Fachbeitrag

Wenn innovative Technik den Rücken entlastet

Schwere Lasten zu heben gehört seit jeher zu den härtesten Anforderungen körperlicher Arbeit. Ob in der Industrie, auf dem Bau, in der Logistik oder in der Pflege, der Körper ist dabei oft der limitierende Faktor. Nicht die einzelne Kraftanstrengung ist das Problem, sondern die Wiederholung. Genau hier setzen Exoskelette an. Sie sollen Arbeit nicht leichter erscheinen lassen, sondern langfristig gesünder machen. Denn: Was der menschliche Bewegungsapparat leisten kann, wird im Arbeitsalltag häufig überschätzt.

Foto: Htrius

Exoskelette in der Arbeitswelt

Zwar sind viele Menschen in der Lage, kurzfristig hohe Lasten zu bewegen. Entscheidend ist jedoch nicht der einmalige Kraftakt, sondern das, was sich über Stunden, Tage und Jahre summiert.
Arbeitswissenschaftlich gilt als gesichert, dass Dauerbelastungen deutlich niedriger angesetzt werden müssen als Einzelhebungen. Während trainierte Personen durchaus 40 Kilogramm oder mehr anheben können, liegen empfohlene Gewichte für wiederholtes Heben meist im Bereich von 10 bis 15 Kilogramm. Beim Tragen über längere Strecken sinkt dieser Wert weiter.
Hinzu kommt die Körperhaltung. Lasten aus gebückter Position oder über Schulterhöhe wirken besonders ungünstig auf die Wirbelsäule. Bandscheiben, Sehnen und Gelenke reagieren nicht sofort, sondern schleichend. Viele Beschwerden entstehen über Jahre hinweg, oft unbemerkt, bis sie irgendwann den Arbeitsalltag bestimmen.
Dass Rückenprobleme und andere muskuloskelettale Erkrankungen zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsausfälle zählen, ist daher kein Zufall. Der menschliche Körper ist nicht für monotone Schwerarbeit über Jahrzehnte gemacht.

Was Exoskelette technisch leisten
Exoskelette versuchen, genau an diesen Schwachstellen anzusetzen. Dabei handelt es sich um tragbare Stützsysteme, die außen am Körper getragen werden und bestimmte Bewegungen unterstützen. In der Praxis haben sich zwei Grundtypen etabliert.
Passive Exoskelette kommen ohne Motoren aus. Sie arbeiten mit mechanischen Elementen wie Federn oder Elastomeren. Beim Vorbeugen wird Energie gespeichert, beim Aufrichten wieder abgegeben. Besonders bei Tätigkeiten, die häufiges Bücken erfordern, kann das die Rückenmuskulatur spürbar entlasten. Das Gewicht der Last bleibt gleich, aber ein Teil der Haltearbeit wird vom System übernommen.
Aktive Exoskelette sind technisch aufwendiger. Sie nutzen elektrische oder hydraulische Antriebe, die Bewegungen aktiv unterstützen. Sensoren erfassen Haltung, Bewegung und Kraftaufwand in Echtzeit. Die Unterstützung erfolgt gezielt und folgt dem natürlichen Bewegungsablauf. Moderne Systeme greifen nicht ein, sondern verstärken das, was der Träger ohnehin tut.

Entlastung im Arbeitsalltag
In der Praxis zeigt sich der Nutzen vor allem bei wiederkehrenden Tätigkeiten. Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Muskelaktivität in Rücken- und Schulterpartien durch Exoskelette um 20 bis 40 Prozent reduziert werden kann. Für den Träger fühlt sich eine Last dadurch deutlich leichter an, auch wenn das tatsächliche Gewicht unverändert bleibt. Besonders bei längeren Schichten macht sich dieser Effekt bemerkbar. Ermüdung setzt später ein, Fehlhaltungen treten seltener auf. Das Risiko von Überlastungsschäden sinkt. Gleichzeitig warnen Arbeitsmediziner davor, Exoskelette als Einladung zu höheren Lasten zu verstehen. Sie sollen schützen, nicht die Belastungsgrenzen verschieben, bis neue Probleme entstehen.

Technik ersetzt keine Verantwortung
So hilfreich Exoskelette sein können, sie lösen nicht jedes Problem. Schlechte Arbeitsorganisation, fehlende Pausenoder dauerhaft unrealistische Leistungsanforderungen lassen sich nicht einfach technisch ausgleichen. Auch der Umgang mit den Systemen will gelernt sein. Ein Exoskelett muss individuell angepasst werden. Sitzt es falsch, kann es neue Fehlbelastungen erzeugen. Ebenso wichtig ist die Akzeptanz der Beschäftigten. Nur wenn sich die Systeme natürlich anfühlen und die Bewegungsfreiheit nicht einschränken, werden sie im Alltag tatsächlich genutzt.
Exoskelette sind kein Symbol für eine futuristische Arbeitswelt, sondern ein pragmatisches Werkzeug des Arbeitsschutzes. Ihr Wert liegt nicht im spektakulären Heben maximaler Gewichte, sondern in der kontinuierlichen Entlastung bei alltäglicher Schwerarbeit.
Richtig eingesetzt können sie dazu beitragen, körperlich anspruchsvolle Berufe langfristig gesünder zu machen und die Arbeitsfähigkeit bis ins höhere Alter zu erhalten. Die entscheidende Erkenntnis bleibt jedoch unverändert: Technik kann unterstützen, aber sie ersetzt nicht den verantwortungsvollen Umgang mit dem menschlichen Körper.

Text: Daniel Faust / Quellen: Hersteller und Institutionen